Kulturschock à la Hollandaise

Die Holländer sind ja ähnlich wie die Schweizer: Wir essen gerne Käse, mögen die Berge, sprechen eine ähnliche Sprache und fahren gerne Velo. Das dachte ich jedenfalls bevor ich in das Land der Windmühlen aufbrach. Kaum vorstellbar für eine Weltenbummlerin wie mich, nach nur zwei Wochen holte mich ein Kulturschock ein.

Ein Kulturschock in Holland, wie geht das denn?

Ja, vielleicht ist das Wort Kulturschock ein bisschen hart ausgedrückt, vielmehr handelte es sich um die tägliche Herausforderung den Alltag als Schweizerin in einem Land der Europäischen Union zu meistern. Schon bei der Anmeldung an der Hogeschool Utrecht fing es an: Unzählige Mails, einige Telefonate, mehrere Monate Ungewissheit und ein bestandenes Cambridge Advanced Certificate brauchte es, bis ich endlich sagen konnte: „Utrecht – ich komme!“

Nach all den Strapazen und der Ungewissheit konnt‘ ich meine Zelte – oder noch besser den Wohnwagen ;)– in Holland aufschlagen. Doch wie es eben so ist im Leben – nur weil man irgendwo akzeptiert wurde, heisst das noch lange nicht, dass man nun den Ponyhof des Lebens betreten hat. Doch dazu gleich mehr.

Erst einmal muss ich wohl erklären wo Utrecht überhaupt liegt und was man da so tut. Denn ehrlich gesagt, war auch mir die Existenz dieses wunderschönen Städtchens namens Utrecht unbekannt.

Der Blick auf den Dom von Utrecht

Utrecht ist die viertgrösste Stadt der Niederlande und befindet sich im Herzen des Landes. Über siebzig tausend Studenten leben und studieren in der Domstadt, was ihr einen jugendlichen Charme verleiht. Ausserdem steht in Utrecht der grösste Kirchturm des Landes, 112 Meter misst er und man kann ihn sogar besteigen.

Des Weiteren hebt sich Utrecht besonders durch seine vielen verwinkelten Gassen und Kanälen ab. Wer denkt Amsterdams Grachten seien wunderschön, der sollte besser noch in Utrecht vorbeigucken. Hier hat man nämlich nicht nur die hübschen Grachten, sondern in den Grachten hat es Restaurants, Läden und sogar Clubs. Utrecht ist damit die einzige holländische Stadt, die sowas vorweisen kann.

So, nun genug geschwärmt von meiner zweiten Heimat. Zurück zu meinem „Kulturschock“.

Fangen wir beim Wetter an, wenn man es überhaupt so bezeichnen kann. Passender wäre vielleicht „im Minutentakt wechselndes Naturschauspiel“, denn „you never know what you get when you leave the house“.

Alltagsherausforderung Nummer 1: Limitierte Anzahl von Sonnenstrahlen mit der Folge eines etwas depressiv gestimmten Gemütes.

Wetter Holland
Nieselregen macht auch vor Feiertagen wie Sinterklaas nicht halt

Hierzu eine kurze Erklärung: Man wacht auf, schaut aus dem Fenster – die Sonne scheint. Fünfzehn Minuten später schaut man nochmals raus – es regnet. Dreissig Minuten später stürmt es. Eine Stunde später scheint wieder die Sonne. Danach regnet es wieder für zehn Minuten und dann ist es einfach nur bewölkt und es nieselt so ein bisschen.

Ja, so ging das die ganzen 5 Monate. Doch das kreative holländische Volk hat natürlich eine Lösung für dieses Problem entwickelt: Den Buienradar! Diese nützliche App zeigt einem im 5-Minutentakt wann, wo und wie stark es in den nächsten zwei Stunden regnen wird, zudem wird man über die Geschwindigkeit der Wolken informiert.

Lustig ist es auch, wenn man mit jemandem telefoniert, der am anderen Ende der Stadt wohnt und er sagt einem es regne, doch wenn man nur drei Kilometer weiter aus seinem Fenster guckt, strahlt noch fröhlich die Sonne (angenommen man erwischt einen dieser seltenen Tage an denen die Sonne scheint).

Weiter geht es mit Alltagsherausforderung Nummer 2: Pin only

In der Schweiz ohne Bargeld unterwegs zu sein, ist beinahe unmöglich, ein bisschen Münz und ein paar Nötli sollte man immer bei sich tragen. Nicht in Holland, denn da musste ich feststellen, dass sie in vielen Geschäften gar kein Bargeld mehr akzeptierten. Alles wird per Karte bezahlt und zwar per Maestro-Karte. Mit Kreditkarten ist man hier fehl am Platz.

Doch wie jeder weiss, mit der Schweizer Maestro-Karte zahlt man bei jeder Transaktion ca. CHF 1.50 drauf, deshalb musste schleunigst ein Holländisches Bankkonto her. Die Studentin, obwohl angeblich „reiche“ Schweizerin, kann nun ja wirklich nicht mit ihrem Geld um sich schmeissen.

Nun, bei wohl jedem Bürger der EU war die Eröffnung eines holländischen Bankkontos mit einer normalen Identitätskarte (ID) kein Problem, nicht so mit der Schweizerischen ID. Denn diese ist nicht im System der Banken hinterlegt und deshalb nicht gültig, man muss mit einem Pass antanzen. Glück gehabt, dass ich überhaupt einen Schweizer Pass besitze und ihn zufällig nach Holland mitgenommen hatte. Nun war auch diese Herausforderung gemeistert.

Weiter mit Kulturschock Nummer 3: Das holländische Gesundheitssystem

Jeder wird mal krank und wenn’s im Ausland geschieht – na prost nägeli! Dann wird’s als Schweizerin in der EU erst recht spassig, denn ohne Europäische Krankenversicherungskarte geht hier gar nichts. Das heisst bei jeder Konsultation wandern erst mal 30 Euro über den Tisch. Und dann wird’s interessant, denn das holländische Gesundheitssystem läuft ein wenig anders als bei uns.

Erst muss man immer zum Hausarzt – egal was man hat. Wenn man dann Medikamente verschreibt bekommt, wird das Rezept an seine Hausapotheke geschickt, denn die Apothekerinnen sind diejenigen, die dich über die Medikamente und deren Anwendung informieren. Falls ein Bluttest oder sonstige Werte getestet werden müssen, muss man wiederum zu einem der Labors gehen (vorzugsweise am anderen Ende der Stadt – man hat ja schliesslich ein Velo und ein bisschen Bewegung schadet ja nie), wo sie nur diese Tests durchführen. Zentralisierung ist hier ein Fremdwort. Hat man das System aber einmal verstanden, kann nichts mehr schiefgehen.

Es folgt Alltagsherausforderung Nummer 4: Velofahren für Fortgeschrittene

Ohne das Fietsen (Velofahren) geht in Holland und besonders in Utrecht gar nichts. Man braucht ein Velo, ohne Wenn und Aber. Velofahren tut jeder, egal ob dreijähriges Kind oder älterer Mann, der fast nicht mehr gehen kann, reich oder arm – es spielt keine Rolle. Auch wird alles Mögliche auf dem Velo transportiert, seien es Matratzen, eine Horde von Kindergartenkindern, Säuglinge, sämtliche Einkäufe oder seinen Rollkoffer. Ist ja ganz praktisch den Rollkoffer so neben sich herzuziehen, während man zum Bahnhof flitzt. Oder wenn man mal keine Lust hat mit seinem Hund Gassi zu gehen, nimmt man ihn einfach an die Leine und schwingt sich aufs Fahrrad – Problem gelöst.

Velo fahren in Utrecht
Velo fahren in Utrecht

Das war ja alles noch ganz lustig anzuschauen, doch an die ungeschriebenen Fahrregeln musste ich mich erst gewöhnen:

  • rote Ampeln werden stets ignoriert
  • auf dem Velo wird gegessen, getrunken, Musik gehört, gesimst und telefoniert
  • niemand trägt einen Helm – denn das ist uncool
  • man fährt Velo bei jedem Wetter
  • zu zweit auf dem Velo zu fahren ist erlaubt
  • kleine Kinder sitzen vorn beim Lenker (auch ohne Helm) und nur minim angeschnallt
  • Vorder- und Rücklicht sind optional

Besonders das kleine Kinder ohne Helm und nur minim auf dem Velo angeschnallt waren, gab mir zu denken. Da kam die sicherheitsliebende Schweizerin wohl in mir hervor.

Doch nach all diesen Herausforderungen und dem ersten Kulturschock à la Hollandaise ging es nur noch bergauf mit meiner Stimmung in diesem flachen Land. Und nach und nach verliebte ich mich in Holland und seine Bewohner. Die anfänglichen Schwierigkeiten und Herausforderungen rückten immer mehr in den Hintergrund und ich fing an meine Zeit in Utrecht zu geniessen.

Mit der Zeit, lernte ich den Regen einzuschätzen und die Buienradar App zielgerichtet einzusetzen. Später nahm ich den Regen überhaupt nicht mehr wahr und die stets feuchte Kleidung ignorierte ich gekonnt. Ausserdem lernte ich die schönen Tage zu schätzen und freute mich über jeden Sonnenstrahl auf meiner Haut. Diese schönen Tage hielten auch wunderbare Sonnenuntergänge bereit, die ich von der Dachterrasse meines Studentenheimes geniessen konnte – der Mangel an Bergen hatte also auch Vorteile.

Sonnenuntergang Holland
Wunderschöner Sonnenuntergang auf dem Dach meines Studentenwohnheimes

Mit dem Erhalt meiner holländischen Maestro-Karte wurde mir das Leben in der Domstadt zudem erheblich erleichtert. Zum Glück hatte ich meinen Pass mitgenommen. Denn überall bargeldlos bezahlen zu können, war so praktisch und unkompliziert.  Auch der Gang zum Arzt wurde immer einfacher, ich wusste was ich zu tun hatte und mit meiner Krankenkasse war auch alles geklärt.

Und zu guter Letzt lernte ich mich auf den holländischen Velowegen zurechtzufinden. Mein Velo, das keine Gänge und nur Rücktritt als Bremsen hatte, konnte ich mühelos durch die Gassen Utrechts lenken. Bei Regen konnte ich früh genug abbremsen, meine Einkäufe transportierte ich gekonnt auf dem Velo und die tägliche Bewegung half mir über die Abwesenheit der Sonne hinweg.

Fazit:

Wer nach Utrecht studieren geht, kommt sicher nicht wegen des guten Wetters. Nach Utrecht kommt man wegen den Menschen. Ich habe wunderbar offene und freundliche Leute in Utrecht kennengelernt. Neugierig waren sie über meine Herkunft, wollten mich kennenlernen. Es entstanden Freundschaften mit Menschen, die ich nicht mehr missen möchte.

Zudem ist die Stadt wunderschön, gemütlich, versprüht jugendlichen Charme und es ist immer etwas los. Die Holländer sind hilfsbereit, sehr freundlich, offen und tolerant. Dazu nehmen sie das Leben nicht so ernst, freuen sich auch über kleine Dinge und nehmen rege am Stadtleben teil. In Utrecht kann man nur eine gute Zeit haben  – jedenfalls nachdem man all die Herausforderungen gemeistert hat.

Wie habt ihr den Einstieg in das holländische Leben erlebt? Hattet ihr auch einen „Kulturschock à la Hollondaise“ oder verlief alles ganz reibungslos?

Bin gespannt auf eure Geschichten!

PS: Der Text könnte mit ironischen Bermerkungen gespickt sein. Lesen auf eigene Gefahr. ;)

 

 

 


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